Ich habe heute ganz vergessen….

…die Mama anzurufen.

Fast jeden Sonntag rufe ich an. Heute habe ich nicht angerufen. Gerade hatte ich mich mit einem Glas Rotwein aufs Sofa gesetzt, bereit für ein wenig Berieselung aus der Flimmerkiste, da ging mir der Gedanke durch den Kopf. Und dann kam die Erkenntnis. Ich kann sie nicht mehr anrufen. Nie wieder. Sie ist nicht mehr da…

Letzten Montag erst, habe ich sie noch besucht. Wir hatten schon länger einen Besuch im Gartencenter geplant. Also haben wir uns verabredet, dass ich sie abhole. Wie immer habe ich vorher noch ein paar Sachen für sie eingekauft. Ein paar Flaschen Wasser, damit sie einen Vorrat zu Hause hat. Dann hatte ich noch einen Apfelkuchen gebacken und ihr einige Stücke in kleinen Portionen eingefroren. Auch aus meinem Vorrat an vorgekochten Gerichten hatte sie sich noch etwas gewünscht. Selber kochen mochte sie nicht mehr so wirklich. Und weil schlechtes Wetter angesagt war, war ich dadurch beruhigt, dass sie versorgt ist. Natürlich warteten dann auch ein paar kleine Aufgaben bei ihr auf mich. Schreibkram, den sie wegen ihrer zittrigen Schrift nicht mehr erledigen konnte. Einiges wanderte in meine Tasche. Sachen, die ich zu Hause erledigen musste. Nächste Woche, wenn sie zum Geburtstag vorbei kommt, wollte sie alles wieder mit heim nehmen. „Würdest du was für mich im Internet bestellen?“ Aber sicher kann ich. „Kannst Du mir die Jogginghose kürzen? Ich habe sie schon abgesteckt.“ Auch das ist kein Problem. „Guck mal, das ist der Pulli, von dem ich dir erzählt habe. Der hat einen hohen Wollanteil. Das andere Zeug vertrage ich ja nicht. Und ich habe noch 50% Rabatt bekommen! Ist der nicht schön?“ Der Pulli ist toll. Und meine Begeisterung steigert ihre Freude noch. Ihr Gesicht strahlt. Dann haben wir uns einen richtig schönen Nachmittag gemacht.

Im Gartencenter haben wir uns alles ganz genau angesehen. Die schönen Dinge haben unsere Phantasie beflügelt, bei den Blumen haben wir von einem Garten geträumt, wo wir das alles anpflanzen könnten. Bei den Christrosen konnte sie nicht vorbei gehen und musste einfach eine mitnehmen. „Wenn ich sie auf den Tisch auf dem Balkon stelle, kann ich sie auch von innen sehen.“ Im Café haben wir uns einen wirklich guten Kuchen gegönnt. Den Sitzplatz hat sie so gewählt, dass sie freie Aussicht auf die Orchideen hatte. „Im Frühjahr, wenn ich genug gespart habe, hole ich mir so eine mit so vielen kleinen Blüten.“ Unser Gespräch handelte auch von der derzeitigen politischen Lage in Deutschland. Die Anschläge haben für ein besorgtes Gefühl gesorgt. Dann haben wir gescherzt, ob es gut wäre, einen Vorrat an Toilettenpapier in den Keller zu stellen. Sie dachte an die letzte schlimme Zeit, die sie erlebt hat. „Ich weiß gar nicht mehr, wie das im Krieg damals war. Als im Plumpsklo überall Zeitungsstücke lagen. Ich kann mich nicht mehr an das Gefühl erinnern.“ Wir waren uns einig, dass sie auf diese Erinnerung ruhig verzichten könne. Frisch gestärkt sind wir dann durch den Weihnachtsmarkt gebummelt. Auch dort fand sie noch ein paar Kleinigkeiten. Sie bat mich noch darum, ein paar Orangenscheiben für die Deko zu trocknen. Ein paar Orangen mit Nelken bestückt, wären sicher auch schön. Auf dem Heimweg habe ich dann gleich Orangen besorgt, damit ich das nicht vergesse. Den Zimmerbrunnen, wegen dem wir eigentlich ins Gartencenter gefahren waren, weil sie im Sommer dort welche gesehen hatte, haben wir nicht bekommen. Aber das war nicht so schlimm. Der Nachmittag war einfach zu schön gewesen.

Ihre Einkäufe habe ich ihr noch in die Wohnung getragen. Noch schnell eben die Blume in der Hängeampel gießen, an die sie nicht mehr ran kommt. Eine liebe Umarmung. „Das müssen wir öfter machen. Das hat richtig gut getan.“ „Du hast Recht Mama. Das war wirklich schön. Wir sehen uns nächsten Mittwoch.“ Schon aus der Tür, drehe ich mich nochmal um. Streichle ihr Gesicht, gebe ihr einen Kuss. „Ich hab dich lieb.“, dann mache ich mich auf den Heimweg. 49 Jahre hat sie mich begleitet. Sie hat mich unterstützt, angetrieben, an mich geglaubt, mich fast zur Verzweiflung gebracht, mir geholfen, meine Begeisterung geteilt und mich nie an ihrer Liebe zu mir zweifeln lassen. Über der Lehne von meinem Schreibtischstuhl hängt der neue Pulli. Sie hat ihn nie getragen. Aber er erinnert mich an die Freude, die sie empfunden hat. Noch tut es schrecklich weh wenn ich daran denke….

Mama2 (547x800)

6 Gedanken zu „Ich habe heute ganz vergessen….

  1. Eine ganz achtsame Umarmung kommt aus dem Frankenland!
    Diese niedergeschriebenen Gedanken sind eine wunderbare Art, diejenigen die dir nahestehen, ein bisschen deinen Kummer teilen zu lassen. So wirst du dich nicht darin verlieren und lässt uns die Gelegenheit, dich ein wenig zu halten – und wenn es nur in Gedanken ist. Gute Gedanken kommen auf die ein oder andere Weise immer beim Empfänger an.

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