365 Tage ohne – Das Jahr ist um!!

Heute vor einem Jahr ist die Challenge #365tageohne gestartet. Ein ganzes Jahr keine Klamotten kaufen, lautete die Aufgabe. Weil wir eine Gruppe von HobbyschneiderInnen waren, wollten wir statt dessen alles benötigte selber nähen. Nur ein paar Ausnahmen waren erlaubt. Aber auch da haben wir uns auf maximal fünf Dinge beschränkt. Wir wollten uns nicht kasteien, sondern ein neues Bewusstsein für Konsum bekommen. Es haben sich auch welche angeschlossen, die „nur“ einen übervollen Kleiderschrank besitzen. Der eine oder andere hatte schon vor uns mit der Challenge gestartet. Und die Nachzügler waren/sind uns auch willkommen.

In der dazu gehörenden Facebook-Gruppe war leider irgendwann kaum noch was los. Da keine Nähgruppe, wollten wir die Pinnwand nicht mit genadelten Stücken zupflastern. Und dann fiel kaum noch jemandem eine Variation von „ich habe diese Woche nichts gekauft“ ein. Auch mir gingen zwischendurch die Ideen für passende und interessante Beiträge zu dem Thema aus. Dazu kam noch, dass gelieferte Informationen über Fast-Fashion, Herstellungsverfahren, Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung bei der Stoffherstellung , zumindest für mich, oft verstörend und erschreckend gewesen sind. Ich kann nur von mir persönlich sprechen, aber ich fühle mich schuldig, weil ich zu all diesen Dingen durch mein Konsumverhalten beigetragen habe. Auch ein Gefühl von Machtlosigkeit kommt immer mal wieder hoch. Die große Welt kann ich nicht retten. Aber ich kann bei mir selber anfangen, vor meiner Haustüre. Deswegen ist meine Begeisterung für diese Challenge immer noch auf einem sehr hohen Niveau! Einige Mädels haben nicht durchgehalten und sind aus der Gruppe ausgetreten. Vielleicht war es ihnen auch nur in der Gruppe zu langweilig. Ich weiß es nicht. Andere haben nichts mehr geschrieben weil sich ihr Leben verändert hat. Die Prioritäten liegen gerade woanders. Aber weil sie nichts schreiben, heißt das nicht, dass sie aufgegeben haben.

Wie habe ich nun dieses Jahr erlebt? Nun, am Anfang war ich sehr aufgeregt. Und voller Tatendrang. Und auch ziemlich nervös. Normal rede ich über große Vorhaben nicht öffentlich. Für den Fall, dass ich es nicht schaffe. 😉 Auch hatte ich ein bisschen Angst, dass man mich belächelt. Zum Glück besitze ich ziemlich höfliche Freunde und Bekannte. Ich bekam mehr Zustimmung zu diesem Projekt, als ich gerechnet habe. Hier und da kam ein harmloser Witz. Die negativste Reaktion war ein „Ah ja“, gefolgt von einem leicht mitleidigen Blick. Umso schöner dann die Reaktion in genau diesen Gesichtern, wenn sie das von mir getragene Teil nicht als selbst genäht erkannt haben (heheee…). Mein Ziel, in diesem Jahr eine komplette neue Garderobe zu nähen, habe ich nicht geschafft. Zu oft habe ich mich von Alltag, Internet, Fernsehen oder anderen, in dem Moment reizvolleren Aufgaben ablenken lassen. Aber mein fast leerer Kleiderschrank    ist nun doch ein wenig voller geworden   . Meine Nähmaschine, welche ich doch nun schon einige Jahre besitze, habe ich dabei besser kennen gelernt. Ehrlich, ich hatte keine Ahnung, dass sie SO VIELE Funktionen hat! Auch wusste ich nicht, dass die Nähte so viel besser werden, wenn man ein wenig mutiger an der Fadenspannung spielt. Es ist lange her, dass ich so viele Probenähte an Stoffresten gemacht habe. Nach jedem neuen Kleidungsstück wurde mein Blick konzentrierter. Welcher Ausschnitt passt zu mir? Welche Farben schmeicheln meinem Hautton? Wo ist der Kontrast vom andersfarbigen Bündchen zu hart? Welche Länge streckt und welche staucht? Was gefällt mir an welchem Schnittmuster am besten? Wo sollte ich etwas anpassen? Ich meine, ich habe sehr viel theoretisches Wissen. Jetzt habe ich endlich etwas davon in die Praxis umgesetzt. Meine Arbeit strotzt sicher noch von Fehlern, aber ich bin stolz wie Oskar! Zudem habe ich jetzt wirklich Freude an einem Kleidungsstück.

Ist es mir schwer gefallen, darauf zu verzichten Kleidung zu kaufen? Ja und nein. Ich meine, in den meisten von uns steckt doch eine kleine Pretty Woman, die davon träumt, dass ein Richard Gere vorbei kommt um uns einen Einkaufsrausch vom Feinsten zu spendieren. Stimmt doch, oder??!! Dummerweise habe ich nicht die Figur von Julia Roberts. Gerne hätte ich mehr Kleider. Da mein Oberkörper aber etwas länger ist, sitzt die Taille meist auf den Rippen. Dann habe ich in meinem Job oft körperlich hart arbeiten müssen. Also habe ich ein „breites Kreuz“ und kräftige Arme. Manchmal komme ich damit zwar in eine Jacke hinein, darf dabei aber nichts weiteres darunter tragen. Und bloß nicht bewegen! Sonst reißt die Rückennaht. Und auch heute, mit fülligerer Mitte, passiert es, dass etwas über die Hüften passt, um die Taille aber viel zu weit ist  . Ich weiche also in vielen Bereichen von der Norm-Konfektionsgröße ab. Das Ergebnis war dann meist Frust im grellen Licht der engen Umkleidekabine. Mal ganz davon abgesehen, dass ich das, was mir wirklich gefällt, oft nicht bezahlen kann. Also bin ich eigentlich nur einkaufen gegangen weil ich kann ja nicht nackt rumrennen. Dann aber am besten nur im Vorbeigehen. Bei jedem Ausflug in die Welt der Supermärkte und Einkaufszentren die Augen offen halten, auf den Glücksfall hoffend etwas zu finden, das einigermaßen gefällt, passt und nicht zu teuer ist. Und eigentlich immer war es ein Kompromiss. Dieses suchende Verhalten abzustellen, war am Anfang etwas seltsam. Dann wurde es normal, und am Ende sogar befreiend. Ich brauche das nicht mehr! Höchstens noch bei den Dingen, die ich nicht selbst herstellen kann. Von den Dingen, die auf meiner Ausnahme-Liste gestanden haben, habe ich auch nur etwas Unterwäsche, Socken und eine Jeans gekauft.

Hatte dieses Jahr noch andere Auswirkungen? Eindeutig ja. In dem Wissen, dass mein Konsum-/Verhalten auch dazu führen kann, dass andere ausgebeutet werden, oder die Umwelt schädigt, kaufe ich bewusster ein denn je. Deswegen überlege ich mindestens 3x, ob ich das, was ich kaufen will, auch wirklich brauche. Und bevor ich kaufe, überlege ich, ob es eine Alternative gibt. Das spart tatsächlich Geld! In meinem Fall z.B. besonders bei den Nähzeitschriften. Da habe ich mir früher immer mindestens eine im Monat gegönnt. Mittlerweile kann ich diese liegen lassen, ohne ein Gefühl des Verzichts zu empfinden. Ich meine, Schnittmuster habe ich ja nun wirklich genug. 😉  Wenn ich etwas erwerben muss, dann versuche ich die beste Qualität zu bekommen, die ich mir leisten kann. Wie man mittlerweile weiß, werden die billigsten Klamotten oft in derselben Fabrik hergestellt wie teure Markenkleidung. Aber da könnte man z.B. anfangen darauf zu achten, ob der Stoff aus Umweltfreundlichen Materialien hergestellt wurde. Und dann kann man dieses Kleidungsstück pflegen, damit es lange hält. Und damit man dieses auch gerne und lange trägt, sollte man anfangen zu überlegen, was wirklich zu einem passt. Also unabhängig davon, was gerade „in“ ist. Das ist mit ein Grund, wieso ich mich gerade intensiver mit dem Thema Stilfindung auseinander setze.

Wie geht es nun weiter? Dass das Jahr vorbei ist, bedeutet nicht, dass ich jetzt wieder in die Konsumtempel marschiere und aufhöre zu nähen. Im Gegenteil. Mein Konsumverzicht bezüglich Kleidung hat mich entspannter werden lassen. Dann ist mein Ehrgeiz geweckt. Zum einen will ich die richtigen Schnittmuster für mich finden und meine Nähkenntnisse erweitern. Stoff zum üben habe ich noch genug. Mit den richtigen Schnitten kann ich mir dann aus hochwertigen Stoffen eine Garderobe nähen, die meine Persönlichkeit unterstreicht, bequem ist und gut aussieht. Dann möchte ich austesten, ob es einfacher ist, einen fertigen Schnitt zu nehmen, oder diesen selber zu erstellen. Ganz besonders aufgeregt bin ich über die Möglichkeit, im Mai bei Frau Maier – Moderne Stilberatung bei dem 8-Wochen-Kurs dabei sein zu dürfen. Das wird sicher eine spannende Reise! Darüber berichte ich dann aber an anderer Stelle. Bevor mein Beitrag endgültig zu einem Roman ausartet, komme ich besser langsam zum Ende. Auch wenn ich gerade zu gerne darüber berichten möchte, wie ich mich darauf vorbereite!  Billy und Atze beobachten mich dabei übrigens ganz genau… 😉

Ich bin sehr froh, dass ich mich auf das Experiment #365tageohne eingelassen habe. Ich habe dazu gelernt. Ich wurde verantwortungsbewusster, entspannter und selbstbewusster. Ich durfte die Erfahrung machen, dass ich reicher bin, als ich dachte. Ich konnte mir beweisen, dass ich mir selber helfen kann. Ich durfte etwas erschaffen, was mir Freude bereitet (3 T-Shirts, 6 Langarm-Shirts, 1 Rock, 2 Pullis, 1 Jacke und einiges, was nichts mit Kleidung zu tun hat). Ich habe meine Lebensweise umgestellt, ohne das Gefühl zu haben, verzichten zu müssen. Und vielleicht konnte ich dazu beitragen, die Welt ein klein wenig besser zu machen. Und sei es nur durch Inspiration!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s