Habe ich nur ein Leben wenn ich Bilder poste?

Viele Jahre haben sie einen Bogen um mich gemacht, aber letzte Woche haben sie mich erwischt. Ich spreche von den fiesen, kleinen, gemeinen Krankheitserregern, welche für schniefige Nasen, bölkenden Husten und unangenehme Halsschmerzen sorgen. Eine äußerst lästige Erkältung nervt mich und behindert meinen Schaffensdrang. Da allein, ohne helfende Hand, dafür mit zwei Hunden im Haus, die penetrant auf ihre täglichen Runden pochen, kann ich mich nicht einfach für drei Tage ins Bett legen und alles auskurieren. In den drei schlimmsten Tagen habe ich aber alles im Haushalt soweit liegen lassen, mich auf mein Sofa unter die Decke gekuschelt, Tee getrunken, Suppe gegessen und vor mich hingedöst. Mehr Energie war einfach nicht da. Allein mein Hirn war aktiv. Und da ging mir ein Artikel nicht mehr aus dem Sinn, über den ich ein paar Tage vorher gestolpert bin.

Die Hauptaussage dieses Artikels war, dass wir Bilder von Erlebnissen in den sozialen Netzwerken posten um zu beweisen, dass wir tatsächlich etwas erlebt haben. Also, habe ich keine Bilder zum zeigen, habe ich nichts erlebt, das Erlebte ist nicht existent. Bilder als Beweis, dass ich ein Leben habe. Stimmt das? Die Frage ließ mich nicht los. Schließlich bin ich ein leidenschaftlicher „Knipser“. Situationen, schöne Momente oder Ereignisse in einem Bild einzufangen, hat mir schon immer Freude gemacht. Als Teenie noch mit meiner „Ritsch-Ratsch-Klick“ (Kennt die Kamera noch einer?), dann mit einer Spiegelreflex Kamera. Letztere war ein ziemlich schweres und klobiges Teil. Besonders wenn auch noch ein Teleobjektiv aufgeschraubt war. Das Teil hat mich nicht nur nach Canada und Alaska begleitet, sondern auch auf fast jedem Spaziergang mit dem Hund. Mein besonderer Ehrgeiz, damals wie heute, war es dabei, trotz Hund den Wildtieren so nahe wie möglich zu kommen um ein schönes Foto von diesen zu machen. Oder auch die Schönheit einer grazilen Blüte einzufangen. Ich finde es wichtig, in unserer hektischen Zeit einfach mal inne zu halten, sich auf das Jetzt, den Moment zu konzentrieren und das zu sehen, was uns umgibt. Oft übersehen wir die Schönheit vor unserer Nase, welche aber das Herz erfreut und uns zur Ruhe kommen lässt. Mit den alten Kameras war das oft eine ziemliche Herausforderung. Es dauert halt, bis sie richtig eingestellt ist, die Schärfe stimmt oder der Bildausschnitt. Und dann hat der Transport des Filmes auch meist gedauert. Ob das Foto etwas geworden ist, sah man auch erst wenn die Bilder entwickelt worden sind. Meine kleine Digitalkamera macht es da einem doch viel leichter. Nicht nur das Gewicht und die Größe sind praktisch, auch kann ich sie mit einer Hand aus der Tasche angeln und bedienen, während ich oft mit der anderen Hand zwei Hunde halten muss, welche nur zu gerne das anvisierte Objekt jagen möchten. Ich kann mehrere Bilder hintereinander machen, sie mir anschließend direkt angucken und zu Hause am PC auch noch bearbeiten. Gute Bilder machen ist für viele Menschen sehr einfach geworden. Und günstiger als früher ist es auch.

Aber wieso zeigen wir Bilder? Klar, zum einen, weil wir damit angeben wollen. Sieh hier, ich habe das und das erlebt, du aber nicht. Ätschibätsch. Es ist schließlich ein besonderes Gefühl etwas erlebt zu haben, wie eine Reise, wovon andere nur träumen können. Nur sind Diavorträge aus der Mode gekommen. Also zeigen wir sie auf facebook oder instagram und wie die Seiten noch alle heißen. Da kann dann selbst das Bild von einem leckeren Essen bei anderen Neid hervorrufen. Und es gibt schlimmeres, als beneidet zu werden. Oder? Bei den meisten, so hoffe ich zumindest, ist es aber so, dass sie andere einfach an ihrer Freude teilhaben lassen wollen. Sieh hier, das ist so schön! Und wenn ich dich schon nicht dabei habe, dann kannst du wenigstens durch die Bilder ein wenig miterleben. Und je mehr Menschen wir etwas zeigen können, desto größer sollte die verteilte Freude sein. Denn wenn ich so darüber nachdenke, viele haben meine Bilder früher nicht gesehen. Da waren es ehe Erinnerungen für mich persönlich. Das Betrachten der Bilder versetzt einen in die Stimmung des festgehaltenen Moments. Sie zaubern ein Lächeln ins Gesicht, oder lassen die eine oder andere Träne kullern. Viele Wälder auf meinen alten Fotos existieren nicht mehr, die Landschaft hat sich verändert. Ich war ein Zeitzeuge und die Bilder dokumentieren das. Aber selbst wenn ich die Bilder nicht gemacht hätte, hätte ich den schönen Anblick genossen, die Veränderung erlebt. Deswegen muss ich die Bilder nicht zeigen. Ich kann mich an manches erinnern, wo ich sogar absichtlich keine Fotos geschossen habe. Einfach, weil ich die Erinnerung ganz für mich haben wollte. Es gibt Dinge, die behält man einfach im Herzen. Oder so wie neulich, als plötzlich ein Fuchs vor uns auf den Weg raus kam. Plötzlich stand er da, ca. 3 m vor den Hunden. In der allgemeinen Schrecksekunde hatte ich keine Chance die Kamera aus der Tasche zu holen. Und dann hatte ich genug damit zu tun die Hunde festzuhalten. Hätte ich dieses Bild gerne festgehalten und gezeigt? Klar! Eben weil es ein zauberhafter Moment gewesen ist. Aber auch ohne bildlichen Beweis habe ich es erlebt. Die noch junge Erinnerung lässt mein Herz einen Hauch schneller schlagen, und die Begeisterung darüber, einem so schönen Tier so nahe zu begegnen hebt die Laune. Ich glaube sogar, dass das Erlebte ohne Bild noch viel wertvoller ist, da ich das ohne Ablenkung in mich aufgenommen habe. Ich war ganz da.

Ich muss also keine Bilder veröffentlichen um zu beweisen, dass ich existiere. Und das Erlebte existiert ebenfalls. Also werde ich weiter Fotos machen, eben weil ich schöne Dinge teilen will um andere damit zu erfreuen. Geteilte Freude ist doppelte Freude, nicht wahr? Ich mache Bilder um besser erklären zu können. Und ich mache Bilder weil ich stolz auf etwas bin. Und das zu zeigen macht einfach Spaß, was als Grund eigentlich völlig ausreichend ist. 🙂  039 (800x474)